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Die obugrischen Sprachen - Chantisch und Mansisch



1. Die obugrische Sprachgruppe

Die obugrischen Sprachen Chantisch (Ostjakisch) und Mansisch (Wogulisch) werden in Westsibirien gesprochen, zum überwiegenden Teil entlang des Flusses Ob und seinen Nebenflüssen. Sie sind eine Untergruppe der finnisch-ugrischen/uralischen Sprachfamilie und sind am nächsten mit dem Ungarischen verwandt, mit dem sie gemeinsam den ugrischen Zweig bilden. Die Verwandtschaft zwischen den obugrischen Sprachen und Ungarisch ist sehr entfernt, sogar Chantisch und Mansisch sind kaum gegenseitig verständlich, obwohl es zahlreiche strukturelle Ähnlichkeiten und Spuren eines beständigen Kontaktes zwischen chantischen und mansischen Varietäten gibt.

Die traditionelle Lebensweise der Obugrier war eine halb-nomadische, die auf Jagen und Fischen beruhte und in einigen Regionen auch auf Rentierzucht. Die Obugrier besitzen eine reiche Folklore; insbesondere die epische Dichtung und die Mythologie sind umfassend erforscht worden. Trotz Zwangschristianisierung im zaristischen Russland sowie dem offiziellen Atheismus in der Sowjetzeit konnten viele Bestandteile des Schamanismus und der traditionellen Religion bis heute bestehen bleiben: dazu zählt der Vielgötter- und Geisterkult sowie der Bärenkult, wobei der Bär als ein Totemtier von allen Obugriern verehrt wurde.

Sowohl Chantisch als auch Mansisch sind stark bedrohte Sprachen. Der Assimilationsprozess, der seinen Anfang mit der Kolonialisierung Sibiriens genommen hatte, beschleunigte sich im 20. Jahrhundert sehr stark aufgrund von Kollektivierung und Zwangsumsiedlungen, fehlendem Unterricht in der Muttersprache und dem niedrigen Prestige der indigenen Sprachen Sibiriens. Die aufblühende Öl- und Gasindustrie trug besonders in den vergangenen Jahrzehnten zur Zerstörung der traditionellen Lebensweise bei und begünstigte die massive Zuwanderung von Arbeitskräften aus anderen Teilen Russlands. In vielen indigenen Gemeinschaften stellen Arbeitslosigkeit, Armut und Alkoholismus beträchtliche Probleme dar. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat es einige Versuche gegeben, das Bewusstsein der indigenen Völker wiederzuerwecken und ihre Sprachen und Kulturen zu retten. An der Yugra-Universität in Chanty-Mansijsk wurden von 2001 bis 2010 die obugrischen Sprachen gelehrt. 2010 wurden die Lehrstühle für chantische und mansische Philologie geschlossen.

2. Chantisch

Anzumerken ist, dass das traditionelle Exonym für Chantisch in der älteren Literatur Ostjakisch ist. Dieser Name ist irreführend, da es für die Selkupen (Ostjaksamojeden), deren Sprache zum samojedischen Zweig der uralischen Sprachfamilie gehört, und die Keten (Jenissei-Ostjaken), die eine Jenissei-Sprache sprechen (oder sprachen), ebenfalls verwendet worden ist.

2.1 Dialekte

Gewöhnlich wird die chantische Sprache in drei Hauptvarietäten unterteilt: Nord-, Süd- und Ostchantisch. Diese unterscheiden sich von einander deutlich auf allen strukturellen Ebenen der Sprache (Phonologie, Morphologie, Syntax, Lexikon) und sind gegenseitig nicht verständlich (obwohl es auch einige Übergangsdialekte zwischen den Haupdialektgruppen gibt). In den letzten hundert Jahren sind viele chantische Dialekte – darunter die gesamte südliche Dialektgruppe – ausgestorben. Die meisten chantischen Gemeinschaften leben im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen im Oblast Tjumen oder im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen, einige jedoch auch im Oblast Tomsk.

2.2 Sprecherstatistiken

Laut der Volkszählung von 2002 gibt es 28.000 ethnische Chanten, aber lediglich 30% von ihnen sprechen entweder Nord- oder Ostchantisch. Die meisten derjenigen, die die Sprache fließend sprechen, gehören den älteren Generationen an, während bei jungen und in Städten lebenden Chanten ein Sprachwechsel zu Russisch zu beobachten ist.

3. Mansisch

3.1 Dialekte

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert legten Feldforscher vier Hauptdialekte des Mansischen fest. Von diesen waren die südlichen und westlichen Dialekte bereits im frühen 20. Jahrhundert stark von Aussterben bedroht; Ostmansisch (Konda) hatte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts eine beträchtliche Zahl an Muttersprachlern und es gab sogar einen gewissen literarischen Gebrauch, aber heute ist es so gut wie ausgestorben. Heutzutage wird nur mehr der Nord-Dialekt aktiv gesprochen, jedoch hauptsächlich unter Familienangehörigen älterer Generationen. Bei jungen Sprechern vollzieht sich ein Sprachwechsel zu Russisch, und in den meisten Sprachgemeinschaften hat die Weitergabe des Mansischen an die jüngeren Generationen aufgehört. Nordmansisch wird in einigen Dörfern entlang des Unteren Ob und den westlichen Nebenflüssen Soswa und Sygwa im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen im Oblast Tjumen und entlang des Flusses Loswa im Iwdel-Gebiet im Oblast Swerdlowsk gesprochen.

3.2 Sprecherstatistiken

Ethnische mansische Bevölkerung anhand der Daten aus den Volkszählungen seit 1926

Jahr1926193919591970197919892002
Mansen ca. 5,800ca. 6,300 ca. 6,3007,609 7,434 8,279 11,432

Daten aus den Volkszählungen über Mansisch- und Russisch-Kenntnisse

Mansisch-Kenntnisse Russisch-Kenntnisse
198920022002
ca. 3,000 (38%)2,746 (24%)11,332 (99.1%)

Urban Mansis in the 2000's: Presentation (PDF) & Text (PDF)

Wikipedia in Mansi? Internet in the Service of Endangered Languages (PDF)

Artikel verfasst von E.I. Rombandeeva mit einem Überblick über die mansische Sprache (auf russisch)
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